Liebe Anwesende,



am Donnerstag, dem 17. September 2026, wurde versucht, die Bergische Synagoge in Wuppertal in Brand zu setzen – wenige Tage vor Yom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag. Der festgenommene Tatverdächtige ist ein 37-jähriger Mann afghanischer Herkunft. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft weisen seine Äußerungen klar auf ein antisemitisches Motiv hin.



Und es ist nicht das erste Mal.



Bereits 2014 warfen drei palästinensische Männer Molotowcocktails auf dieselbe Synagoge. Sie erhielten Bewährungsstrafen. 


Ein antisemitisches Motiv sah das damalige Gericht nicht. Stattdessen wurde der Anschlag als Aktion gegen den damaligen Gaza-Krieg eingeordnet.



Gerade diese Bewertung löste erhebliche Kritik aus.



Leonid Goldberg, der bis heute Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal ist, nannte das Urteil damals „eine Einladung zur Wiederholung“.


Zwölf Jahre später brennt es wieder an derselben Synagoge.

Antisemitischer Terror hat weder nur eine Herkunft noch nur ein politisches oder religiöses Milieu.



Das zeigte sich auch schon vor dem 7. Oktober.



Am 9. Oktober 2019 – an Yom Kippur – versuchte der deutsche Rechtsextremist Stephan B. in Halle, schwer bewaffnet in eine Synagoge einzudringen und dort ein Massaker anzurichten. Die Tür hielt stand. Anschließend ermordete der Täter zwei Menschen.



Und seit dem 7. Oktober 2023 erleben Jüdinnen und Juden weltweit eine weitere massive Welle von Hass, Bedrohung und Gewalt.



Nur elf Tage später, am 18. Oktober 2023, wurden Molotowcocktails auf eine Synagoge in Berlin geworfen.



Am 2. März 2024 wurde in Zürich ein orthodoxer Jude von einem islamistisch radikalisierten Jugendlichen mit einem Messer lebensgefährlich verletzt.



Am 6. Dezember 2024 wurde in Melbourne die Adass-Israel-Synagoge angezündet.



Am 21. Februar 2025 griff am Holocaust-Mahnmal in Berlin ein IS-Anhänger einen Menschen mit einem Messer an. Nach den Feststellungen des Gerichts wollte er vorzugsweise einen Juden oder Israeli treffen.



Am 21. Mai 2025 wurden Yaron Lischinsky und Sarah Milgrim vor dem Capital Jewish Museum in Washington erschossen. Der in Chicago geborene Tatverdächtige hatte in der Vergangenheit Verbindungen zu weit linken politischen Organisationen. Nach der Tat rief er „Free Palestine“ und erklärte, er habe für Palästina und Gaza gehandelt.



Nur elf Tage später, am 1. Juni 2025, wurden in Boulder, Colorado, während einer Veranstaltung von „Run for Their Lives“ Menschen mit Molotowcocktails angegriffen, die an die israelischen Geiseln erinnerten.



Am 2. Oktober 2025 – an Yom Kippur – wurden Menschen bei einem antisemitischen Terroranschlag auf eine Synagoge in Manchester angegriffen. Zwei Menschen starben.



Und am 14. Dezember 2025 wurden bei einer Chanukka-Feier am Bondi Beach in Sydney 15 Menschen ermordet und mehr als 40 Menschen verletzt.



18.Oktober 2023.


19.März 2024.


20.Dezember 2024.


21.Februar 2025.


22.Mai 2025.


23.Juni 2025.


24.Oktober 2025.


25.Dezember 2025.



Und jetzt:


17. September 2026 – Wuppertal.


Die Täter und ihre persönlichen Hintergründe unterscheiden sich.



Aber eines verbindet diese Taten: Antisemitismus.


Und gerade deshalb dürfen wir Antisemitismus niemals nur einem einzigen politischen, religiösen oder gesellschaftlichen Milieu zuschreiben.


Er begegnet uns rechtsextrem.


Er begegnet uns islamistisch.


Er begegnet uns links-antiimperialistisch.


Und er begegnet uns in einem milieuübergreifenden antiisraelischen Aktivismus.


Die bundesweiten Zahlen von RIAS zeigen zugleich: Seit dem 7. Oktober spielt antiisraelischer Aktivismus bei den zuordenbaren antisemitischen Vorfällen eine besonders große Rolle. Auch die Zahl der antisemitischen Vorfälle aus dem linken und antiimperialistischen Milieu ist zuletzt deutlich gestiegen.


Gleichzeitig hat auch rechtsextremer Antisemitismus einen neuen Höchststand erreicht.



Antisemitismus hat kein einziges Herkunftsland und kein einziges politisches Zuhause.


Jüdinnen und Juden werden angegriffen, weil sie jüdisch sind. Synagogen werden zu Zielen. Menschen werden angegriffen, weil sie für Israel arbeiten, sich mit Israel verbunden fühlen oder sich israelsolidarisch zeigen.


Der Konflikt im Nahen Osten wird auf jüdisches Leben in aller Welt projiziert.


Und wir dürfen über die Wirkung von Propaganda nicht schweigen.


Die Hamas hat am 7. Oktober Menschen ermordet, verschleppt und sexualisierte Gewalt verübt. Trotzdem wird dieser Terror bis heute als „Widerstand“ verklärt. Täter werden zu Helden gemacht. Antisemitische Feindbilder werden verbreitet.



Und Worte bleiben nicht immer Worte.


Wer glaubt, Washington, Boulder, Manchester, Melbourne oder Sydney seien weit weg, muss nur nach Köln schauen.


Seit März 2025 haben wir über viele Monate nahezu jeden Freitag den „March for Liberation“ beobachtet und dokumentiert. Zunächst in der Innenstadt, später vor allem in Ehrenfeld.


Wir haben dort immer wieder israelfeindliche und antisemitische Parolen, Aussagen und Symboliken dokumentiert.


Der Jahresbericht der Fachstelle gegen Antisemitismus der Stadt Köln bestätigt, dass auch der „March for Liberation“ als antisemitischer Vorfall erfasst wurde.



Und die Entwicklung in Ehrenfeld ist dramatisch:



Von neun dokumentierten antisemitischen Vorfällen im Jahr 2024 auf 70 im Jahr 2025. Ein Anstieg von rund 678 Prozent.


Gleichzeitig weist die Fachstelle darauf hin, dass sich israelfeindliche Demonstrationen verstärkt nach Ehrenfeld verlagert haben.


Und hinter diesen Zahlen stehen Menschen.


Eine fünfköpfige deutsch-israelische Familie hat Ehrenfeld inzwischen verlassen und ist im August nach Israel gezogen.


Die Familie berichtete von Bedrohungen, von Hamas-Dreiecken im Veedel und davon, dass der Vater auf der Straße mit seinen Kindern kein Hebräisch mehr sprach.


Eine jüdische Familie verlässt Köln und zieht in ein Land, das selbst mit Krieg und Terror konfrontiert ist, weil sie sich dort langfristig sicherer fühlt.



Was sagt das über uns aus?


Und: Wer folgt?


Auch hier in Köln, an der Synagoge in der Roonstraße, ereignete sich im Mai ein Vorfall, der uns Sorgen machen muss.


Das Sicherheitspersonal der Synagogengemeinde Köln wurde über die eigene Videoüberwachung auf einen Mann aufmerksam, der die Synagoge mit seinem Handy filmte. Der Wachdienst informierte daraufhin die Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten, die zum Schutz der Synagoge vor Ort eingesetzt waren. Die Beamten kontrollierten den Mann.


Bei der späteren Auswertung seines Mobiltelefons fanden Ermittler unter anderem Material des sogenannten Islamischen Staates. Ein konkreter Anschlagsplan gegen die Synagoge ist nicht nachgewiesen.


Aber auch dieser Fall zeigt:



Die Bedrohung ist nicht abstrakt. Sie ist hier.


Und wir müssen noch über etwas sprechen, das unbequem ist.


Wir erleben immer wieder eine Scheu, Antisemitismus, Islamismus und Straftaten klar zu benennen, wenn Täter oder Tatverdächtige einen muslimischen oder migrantischen Hintergrund haben.



Rassismus gegen Musliminnen und Muslime sowie Diskriminierung von Musliminnen und Muslimen existieren. Und sie müssen genauso klar bekämpft werden.


Aber der Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung darf nicht dazu führen, dass antisemitische Taten oder islamistischer Extremismus aus Angst vor einem Rassismusvorwurf relativiert oder sprachlich weichgezeichnet werden.



Wenn eine Tat antisemitisch ist, dann muss sie antisemitisch genannt werden. Punkt.


Dabei darf es keine Rolle spielen, ob der Täter Christ, Muslim, Jude oder Atheist ist. Ob er deutscher, türkischer, arabischer oder anderer Herkunft ist.


Entscheidend sind die Tat, das Motiv und die Fakten.


Und das gilt auch für Politik, Verwaltung, Polizei und Justiz.


Der Schutz jüdischen Lebens darf nicht davon abhängen, ob eine klare Haltung bequem ist.



Und auch nicht davon, ob sie möglicherweise Wählerstimmen kostet.


Antisemitismus zu bekämpfen ist keine Frage politischer Opportunität.


Unsere eigenen Beobachtungen seit dem 7. Oktober haben uns außerdem gezeigt, wie groß die Herausforderungen für Behörden sind. Bei Versammlungen haben wir erlebt, dass antisemitische Codes, Parolen und Symboliken nicht immer erkannt oder sicher eingeordnet wurden.


Das ist keine pauschale Kritik an der Polizei. Wir erleben auch Beamtinnen und Beamte, die aufmerksam, professionell und konsequent handeln.


Aber Polizeipräsenz allein reicht nicht.



Wer jüdisches Leben schützen soll, muss heutigen Antisemitismus erkennen, verstehen und benennen können.


Jüdisches Leben muss in Deutschland selbstverständlich und sichtbar sein können – ohne Angst.


Niemand sollte überlegen müssen, ob die Kippa besser unter einer Mütze verschwindet.


Ob der Davidstern heute lieber zu Hause bleibt.


Ob auf der Straße besser kein Hebräisch gesprochen wird.


Oder ob man eine Verbindung zu Israel besser verschweigt.



Wenn Jüdinnen und Juden beginnen, ihre Identität zu verbergen oder Deutschland zu verlassen, weil sie sich hier nicht mehr sicher fühlen, dann haben wir als Gesellschaft ein Problem, das uns alle angeht.


Unsere Gedanken und unsere volle Solidarität gelten heute der Jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal und allen Jüdinnen und Juden.



Wir stehen an eurer Seite. Nicht nur heute.


Am Israel chai!